Birkerstraße

Rund um die Birkerstraße, Kölner Straße und an der Hohen Gasse entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der organisierten Arbeiterschaft. Gewerkschaften, Genossenschaften, Parteien und Zeitungen des linken Spektrums unterhielten hier in unmittelbarer Nachbarschaft ihre Büros. Der Rundgang stellt die heute noch vorhandenen und bereits verschwundenen Gebäude und ihre Geschichte vor.

Birkerstr. 4

Spar- und Bauverein Solingen (bis 1927) u.a.

Der am 11. Juli 1897 von Facharbeitern und Handwerkern gegründete Spar- und Bauverein Solingen (SBV) hatte sich zum Ziel gesetzt, die Wohnungsnot zu lindern, die infolge der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts entstanden war. Nachdem die SPD 1910 auf dem Magdeburger Parteitag ihre ablehnende Haltung gegenüber Genossenschaften aufgegeben hatte, stieg die Mitgliederzahl rasch an. Auch die → Bergische Arbeiterstimme warb für den Eintritt der organisierten Arbeiterschaft. Der Stadtverordnete Hugo Schaal wurde als erster Sozialdemokrat in den Aufsichtsrat gewählt. Seit 1912 wirkte Hermann Meyer als hauptamtlicher Geschäftsführer maßgeblich an der Entwicklung des SBV mit. Nach dem Ersten Weltkrieg realisierte der SBV mit Unterstützung der Stadt Solingen mehrere Siedlungs-Projekte, die bis heute stadtbildprägend sind. Erstmals wurden dabei auch Gemeinschaftseinrichtungen gebaut und 1920 die “Bewohner-Selbstverwaltung” eingeführt.

Ausschnitt aus dem Film “Solingen – Eine historische Stadtrundfahrt” von Peter Holtfreter und Herbert Schurig mit Filmmaterial aus den 1920er und 1930er Jahren aus dem Stadtarchiv Solingen, im Auftrag der Stadtsparkasse Solingen, 1990

Seit 1919 befand sich die Geschäftsstelle des SBV an der Birkerstr. 4. Der Platz reichte jedoch bald nicht mehr für die steigende Zahl der Angestellten aus und so beschloss man 1926 gemeinsam mit der → AOK einen repräsentativen Neubau an der benachbarten → Kölner Straße 47 neben dem → Gewerkschaftshaus zu errichten. Nach dem Auszug des SBV hatten weiterhin verschiedene Gewerkschaften ihren Sitz an der Birkerstr. 4, darunter der Deutsche Verkehrsbund (Gewerkschaft der Transportarbeiter), der Zentralverband der Angestellten und der Deutsche Bauarbeiter-Verband.

1929 war an der Birkerstr. 4 auch das Parteibüro der SPD gemeldet, die im Adressbuch unter “Sozialdemokratischer Verein” firmierte. Vor dem ersten Weltkrieg war der sozialdemokratische Volksverein in Solingen der drittstärkste im Bezirk Niederrhein gewesen. Im Ersten Weltkrieg zerbrach auch die Solinger SPD an der Zustimmung zum Krieg. Die Parteibasis in Alt-Solingen, Wald, Höhscheid, Gräfrath und Ohligs schloss sich mit übergroßer Mehrheit der Solinger USPD an. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 stand die SPD ein letztes Mal in der Wählergunst knapp vor der USPD. Bereits bei der Kommunalwahl im November 1919 gewann die USPD über die Hälfte der Stimmen, die SPD kam nur noch auf knapp über 16 Prozent. Nachdem sich 1920 eine deutliche Mehrheit der USPD der KPD anschloss, kehrte nur eine Minderheit zur SPD zurück. Die → KPD wurde in der Folge in allen Solinger Stadtteilen zur Massenpartei.

Quellen:

  • “Gemeinsam Bauen und Wohnen, 100 Jahre Solinger Wohnungsbaugenossenschaften”, Armin Schulte, Solingen 1997
  • Ausstellung “… und laut zu sagen: Nein.”, Max-Leven-Zentrum Solingen e.V./Stephan Stracke, Solingen 2020